Aufführung „Eurydike“ im Mai 2012

Aufführung „Eurydike“ im Mai 2012

„Jeglicher Anlass sei dir für eine Aufmerksamkeit recht“. Mit diesem Aphorismus des römischen Epikers Ovid laden wir zum Besuch der Tanztheaterproduktion „Eurydike“ ein, die zu Ehren des 300. Geburtstags der ehemaligen Lateinschule, heute Gymnasium Langenberg, in der Vorburg von Schloss Hardenberg im Mai 2012 aufgeführt wurde.

Gabriele Voigt und Cornelia N’Jai, Tanzpädagogin an der Musik&Kunstschule Velbert, haben das Stück bereits 2003 choreografiert und inszeniert. In der leicht veränderten Neueinstudierung tanzen Schülerinnen und Schüler, auch Ehemalige, des Gymnasiums Langenberg, die zum größten Teil die Tanzförderklasse der Musik- & Kunstschule Velbert besuchen, sowie Gäste. Angelika Stodt rezitiert in die Inszenierung eingebundene Texte von Ovid und Rilke, Dorit Hinn leistet den handwerklichen Beitrag bei den Kostümen und unterstützt die von Gabriele Engelhardt gestaltete Requisite. Die Schirmherrschaft hat der Bürgermeister der Stadt Velbert, Herr Stefan Freitag, übernommen.


Über das Stück
Eurydike AlinaDie Kulturgeschichte lehrt uns, dass sich die Menschheit des Abendlandes in unregelmäßigen Abständen seiner antiken Wurzeln erinnert: 300 Jahre nach dem ersten dionysischen Theater erbauten die Römer ihr Theater von Pompeji, im 15. Jahrhundert schuf Poliziano mit Orpheus eins der ersten Renaissance-Werke, die die antike griechische Tragödie wiederaufleben ließen. Last but not least seien Isadora Duncan genannt, die um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert einen wichtigen Akzent – nicht nur – in der Tanzgeschichte setzte, als sie sich vom Korsett befreite, in Tuniken hüllte und griechische Vasenmalerei neu interpretierte.

Wann immer Menschen nach Antworten suchten, gingen sie zurück zu den Erfahrungen älterer Geschlechter, um zu lernen und zu verstehen. Besonders der Mythos von Orpheus und Eurydike erfuhr vielfältige lyrische, musikalische und darüber theatralische Bearbeitungen.

Orpheus, der gottbegnadete Sänger und Erfinder des Saitenspiels, will es nicht wahrhaben, dass seine geliebte Gattin Eurydike durch den Biss einer Giftschlange den Tod fand. Er folgt Eurydike ins Totenreich, um den Gott der Unterwelt zu bewegen, sie wieder ins irdische Leben zurückkehren zu lassen. Wenn Orpheus singt und spielt, wird sogar das steinerne Herz des Pluto (Hades) berührt. Erschüttert von der Musik, gibt der Gott der Toten Eurydike frei – unter der Bedingung jedoch, dass Orpheus sich auf dem Weg zum Licht nicht nach ihr umsehen dürfe. Von seiner Liebe überwältigt, blickt Orpheus zurück: Eurydike verschwindet für immer.

Schade eigentlich, dachten wir uns. Durch Männerhand muss ein liebliches Geschöpf gleich zweimal sterben. Im Mythos ist es Aristaios, der Eurydike nachstellt. Auf ihrer Flucht vor ihm tritt sie auf die besagte Schlange. Nun stehen Schlangen symbolisch auch für Verführung und verbotenes Verlangen. In unserer Interpretation gibt es keine Schlange, aber einen gewalttätigen Aristaios. Und Orpheus … wer ist eigentlich Orpheus? Welcher Mann lässt seine soeben Angetraute denn allein und geht auf Reisen? Orpheus beweist nur ein einziges Mal Stärke, als er es mit den Bewohnern der Unterwelt aufnimmt, um sich Eurydike wieder zu holen. Ansonsten ist auch er ein ausschließlich durch seine Gefühle angetriebener Mensch.

Eurydikes Erscheinung wurde in der dramatischen Literatur dagegen nur wenig gewürdigt. Als Dryade ist sie Sinnbild unbekümmerter Leichtigkeit. Im Sterben bäumt sie sich mit aller Kraft gegen das Unvermeidliche auf. An der Schwelle zur Unterwelt verlässt sie das Bewusstsein, sie taucht ein in eine neue Körperlichkeit, die mit dem weiteren Hinabsteigen an Transparenz zunimmt.

Eine andere Frauengestalt ist Persephone, die Weiblichkeit und Sinnlichkeit ausstrahlt. Diese Attribute geben ihr Macht: Sie kann Hades zur Herausgabe von Eurydike bewegen, machen sie aber auch beeinflussbar. Orpheus nimmt sie mit seinem Gesang für sich ein und bringt sie dahin, dass sie für ihn spricht.

Auch die Schicksalsgöttinnen (Moiren) und die Rachegöttinnen (Erinnyen) sind weibliche Gestalten, bewegen sich aber auf einer irrealen Ebene – die Schicksalsgöttinnen zwischen Leben und Tod, zwischen Gedanke und Entscheidung; die Rachegöttinnen stehen für den inneren Kampf von Schuld und Strafe.

Weniger psychologisch betrachtet lädt die Geschichte auch zur Unterhaltung ein, wie bereits Jacques Offenbach bewies. Wir wollen dies denn auch tun.

Apropos Offenbach: In unserer Musikauswahl werden Sie nichts finden, was mit den bereits bekannten Oper- Operette- und Ballettmusiken zu „Orpheus“ zu tun hat.


Die Handlung
Eurydike, eine Baumnymphe, ist gerade vermählt mit Orpheus, dem berühmten Sänger. Während Orpheus auf Reisen ist, trifft sie sich mit anderen Baumnymphen (Drayden) zum Tanz auf einer Wiese. Da sieht sie Aristaios. Entzückt von ihrer Anmut stellt er Eurydike nach. Aus dem neckenden Spiel wird Ernst. Eurydike verweigert sich dem Aristaios. So tut er ihr Gewalt an und überlässt sie ihrem Schicksal in Gestalt der Moiren. Sie begleiten Eurydike bei ihrem langsamen Übergang ins Schattenreich.

Zurückgelockt an den Ort der Tat, will Aristaios nach Eurydike schauen. Dabei wird er von Orpheus überrascht, der alsbald die Zusammenhänge erkennt. Nymphen bereiten Eurydikes Begräbnis vor. Gemeinsam mit Orpheus nehmen sie Abschied von der Freundin.

Eurydike „erwacht“ in der Welt der Schatten. Auch sie muss Abschied nehmen und Vertrautes zurücklassen, sich mit einer neuen Körperlichkeit, einem neuen Bewusstsein bekannt machen. Ihr Versuch, dem Schattenreich zu entfliehen, scheitert an Cerberus, dem dreiköpfigen Höllenhund, der den Ausgang bewacht.

Drei Erinnyen führen Eurydike ihre neue Realität vor Augen und nehmen sie weiter mit hinab ins Totenreich, wo sie schließlich den Herrschern des Hades, Pluto und Persephone, begegnet und in die Gemeinschaft der Schattenwesen aufgenommen wird.

Orpheus hat es geschafft, über den Styx in die Unterwelt zu gelangen. Nun gilt es, Cerberus und die Erinnyen zu überzeugen, ihn weiter ins Totenreich einzulassen. Dies gelingt ihm durch seine Kunst. Und auch Persephone gibt dem Orpheus schnell nach. Sie kann Pluto überreden, Orpheus Wunsch zu erfüllen und ihm Eurydike zurück zu geben. Pluto stellt jedoch die Bedingung, dass Orpheus sich erst nach Eurydike umschauen darf, wenn sie wieder im Reich des Lichts sind. Hermes, der Götterbote, soll sie auf dem Weg aus dem Schattenreich begleiten.

Aber auch die Moiren stellen sich als Begleiterinnen des Paares ein, und das Schicksal nimmt wieder seinen Lauf. Schon sind sie an der Pforte ins Licht angelangt, da dreht Orpheus sich um, und Eurydike ist ihm für immer verloren.

Es hätte ganz anders sein können:
Orpheus hat es geschafft, über den Styx in die Unterwelt zu gelangen. Nun gilt es, Cerberus und die Erinnyen zu überzeugen.

Cornelia N’Jai


Fotos mit freundlicher Genehmigung durch:
© Corneel Voigt, Fotograf DGPh